In Alt Meteln auf dem Schafhof der Agrargenossenschaft Lübstorf herrscht Schurzeit. Drei Schafscherer aus Polen müssen 1150 Schafe innerhalb von zwei Tagen scheren. Eigentlich waren vier Scherer geplant, doch einer sagte kurzfristig ab. Ersatz gibt es nicht. „Es wird auch in Polen immer schwieriger, gute Schafscherer zu finden“, erzählt Scherer Michael Pundt.
Präzise Arbeit in gebückter Haltung
Trotz des Personalmangels läuft alles ruhig. Die Scherer arbeiten konzentriert, fast meditativ. Für ein Schaf benötigen sie knapp zwei Minuten. Rund 550 Tiere schaffen sie pro Tag. Diese Leistung erfordert jahrelange Erfahrung.
Der Ablauf wiederholt sich Hunderte Male: Ein Helfer bringt ein Schaf zum Schurplatz. Mit wenigen sicheren Bewegungen wird das Tier auf eine glatte Holzplatte gesetzt. Es liegt nicht gefesselt, sondern wird durch die Körperhaltung des Scherers ruhig gehalten. Die Schur erfolgt als sogenannte Bodenschur, eine Technik, die weltweit als tiergerecht und effizient gilt.
Die Scherer arbeiten in gebückter Haltung. Ein breiter Gurt entlastet Rücken und Schultern, indem er das Gewicht auf eine Metallkonstruktion überträgt. Die Hände bleiben frei. Anstrengend ist es trotzdem.
Schäfer helfen mit – Wolle kaum gefragt
Während die Scherer ohne Pause arbeiten, packen die Schäfer mit an. Michael Pundt und weitere Helfer treiben die Tiere zum Schurplatz und räumen die Wolle beiseite. „Wir haben das früher auch selbst gemacht“, sagt Michael Pundt. „Aber das ist einfach eine körperlich schwere Arbeit, die hier in Deutschland kaum noch jemand machen will.“
Beim Verpacken der Wolle ist Muskelkraft gefragt: In einen Sack passen 60 bis 70 Kilogramm. Helferin Frieda Rotermann steigt selbst in den Sack und stampft die Wolle zusammen. Am Ende der beiden Schurtage kommen rund 3,5 Tonnen Wolle zusammen.
Wolle bringt wenig Geld – Kosten nicht gedeckt
Die Wollberge wirken wie ein wertvoller Rohstoff, doch die Realität ist anders. „Wir bekommen wenigstens wieder etwas für die Wolle“, sagt Schäfer Jörg Pundt. „Aber das deckt nicht einmal die Kosten. Es gab Zeiten, da mussten wir die Wolle sogar verschenken. Dann gab es mal zehn Cent pro Kilogramm und inzwischen ist der Preis sogar wieder etwas gestiegen.“
Das Bayerische Landesamt für Landwirtschaft beziffert den Erlös für Fleischschafwolle auf dem freien Markt auf oft nur 30 bis 50 Cent pro Kilogramm. Die Schur kostet dagegen 3,70 bis 4,50 Euro pro Tier. Für viele Schäfereien ist die Schur ein Minusgeschäft.
Export nach Asien – Kritik an der Schur
Die Wolle aus Alt Meteln kauft die Friedrich Sturm GmbH & Co. KG auf. Dort wird sie gesammelt, sortiert und gepresst, bevor sie überwiegend nach Asien exportiert wird. Verarbeitet wird sie zu Teppichen, Dämmstoffen, Füllmaterial oder einfachen Textilien. Mit Merinowolle hat sie wenig gemeinsam. „Wir haben hier Fleischschafe, die Wolle steht nicht im Fokus, muss aber trotzdem regelmäßig runter“, merkt Jörg Pundt an.
In sozialen Netzwerken wird Schafschur oft als Tierquälerei bezeichnet. Tierrechtsorganisationen wie PETA lehnen die Nutzung von Schafwolle grundsätzlich ab. Auf dem Hof in Alt Meteln kann man diese Kritik nicht nachvollziehen. „Wir sind gesetzlich verpflichtet, die Schafe einmal im Jahr zu scheren“, betont Jörg Pundt.
Warum überlange Wolle schadet
Die Wolle hat zwei gute Eigenschaften: Sie wärmt bei Kälte und kühlt bei Hitze. Doch diese Schutzfunktion geht verloren, wenn die Wolle zu lang wird. „Dann verliert sie ihren Halt und kippt auseinander“, erklärt Michael Pundt. „Dadurch kommt Wasser bis auf die Haut und auch Ungeziefer hat leichteres Spiel.“ Feuchtigkeit bleibt länger im Fell, Parasiten nisten sich ein, Hautkrankheiten nehmen zu. Zudem tragen die Tiere unnötig viele Kilogramm Wolle mit sich herum.
Der Sommer ist der ideale Zeitpunkt für die Schur: Die Tiere frieren nicht und finden auf den Weiden Schatten.
Nach der Schur ziehen die 1150 Schafe zurück auf die Weide. Für die Schäfer geht die Arbeit weiter. Die Herde in Alt Meteln ist nur eine von rund 66.400 Schafen in Mecklenburg-Vorpommern. Jedes von ihnen braucht im nächsten Jahr wieder diesen Termin.