35 Jahre Weißer Ring: Vom Sowjet-Lada zur Opferhilfe in MV
35 Jahre Weißer Ring: Vom Sowjet-Lada zur Opferhilfe

Die Gründung des Weißen Rings in Mecklenburg-Vorpommern jährt sich zum 35. Mal. Möglich wurde sie durch eine ungewöhnliche Dienstfahrt eines Neubrandenburger Polizisten: Manfred Dachner, damals frischgebackener Chef der Polizeidirektion, schickte seinen Mitarbeiter Rudi Biebl im Dienst-Lada nach Mainz – mit zwei 20-Liter-Benzinkanistern im Kofferraum und dem Auftrag, alles über eine mögliche Gründung des Opferhilfevereins in Erfahrung zu bringen.

Ein Brief blieb unbeantwortet

Dachner hatte zuvor zufällig in einer Illustrierten einen Beitrag über den Opferhilfsverein gelesen und war so beeindruckt, dass er den Verein auch im Nordosten der ehemaligen DDR etablieren wollte. Ein Brief an die Zentrale in Mainz blieb jedoch unbeantwortet. Also beauftragte er seinen Mitarbeiter mit der Reise in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt. „Vier Tage lang hörten wir nichts von ihm, die Kontaktmöglichkeiten damals waren ja beschränkt“, erinnert sich Dachner. Nach der Rückkehr von Biebl im sowjetischen Pkw war alles klar – und der Weiße Ring durfte 1991 starten.

Bilanz nach 35 Jahren

Zur 35. Wiederkehr des historischen Tages zog die Landesvorsitzende Martina Tegtmeier am Wochenende in Neubrandenburg Bilanz: 400 ehrenamtliche Mitarbeiter in 14 Außenstellen kümmern sich in Mecklenburg-Vorpommern um Opfer von Straftaten. „Wenn alle den Täter jagen“, zitiert Tegtmeier das Vereinsmotto, „wer bleibt dann beim Opfer?“ Und antwortet selbst: „Wir!“

Allein im vergangenen Jahr erhielten 634 Opfer von Straftaten in Mecklenburg-Vorpommern materielle Hilfe, viele weitere wurden über ihre gesetzlichen Rechte aufgeklärt. Opferhilfe sei kein Almosen des Staates, sondern eine Bringschuld der Gesellschaft, so die Landesvorsitzende. Seit der Gründung des Weißen Rings vor 50 Jahren in der „alten“ Bundesrepublik wurden rund 274 Millionen Euro an Opfer ausgezahlt – Geld aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen.

Opfer dürfen keine Nebenrolle spielen

Arne Kröger, Vize-Landrat des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte, verwies auf die Statistik: Mehr als 15.000 Straftaten wurden im vergangenen Jahr in der Seenplatte verübt, „aber die genaue Zahl der Opfer bleibt im Dunkeln“, so Kröger. In der Polizeistatistik würden nur Opfer schwerer Verbrechen gezählt. „Der Verdienst des Vereins ist es, sich um alle zu kümmern, die Hilfe benötigen“, sagte der Kommunalpolitiker. „Opfer dürfen keine Nebenrolle spielen“, forderte er.

Manfred Dachner erinnerte an eine ältere Dame, die ihn bis heute überschwänglich begrüßt, wenn sie sich zufällig begegnen. Die Rentnerin war von einem Handtaschendieb überfallen und zu Boden gestoßen worden, dabei brach sie sich das Handgelenk. Nach der Anzeige kümmerte sich niemand mehr um sie – bis der Weiße Ring von dem Fall erfuhr. Heute geht es ihr wieder besser, und sie erhält wegen der Folgen als Opfer einer Straftat eine monatliche Zahlung. „Ohne den Weißen Ring“, bilanziert der Gründungsvater, „wäre sie wohl allein gelassen worden.“