Nach dem Sechsfachmord in einer Mutter-Kind-Einrichtung in Stade hat auch in Mecklenburg-Vorpommern die Debatte über die Sicherheit in der Jugendhilfe neu entfacht. Einrichtungen überprüfen ihre Schutzkonzepte.
Die Türen stehen offen, die Flure sind leer. Die zehn Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren, die normalerweise in der Jugendhilfeeinrichtung des DRK-Kreisverbands Güstrow leben, sind gemeinsam im Urlaub. Im Alltag bleibt die Eingangstür geschlossen - auch, damit Angehörige nicht unangemeldet in die Einrichtung gelangen können. Denn Gespräche mit Eltern können eskalieren, berichtet Einrichtungsleiter Gunnar Quaas: "Wir haben schon Eltern, die ausfällig werden und beschimpfen - mit übelsten Schimpfwörtern. Und die dann auch sehr laut werden, was schon bedrohlich wirkt."
DRK berichtet von einzelnen Übergriffen
Gunnar Quaas arbeitet seit 2009 beim DRK. Zu körperlichen Übergriffen kommt es laut dem Einrichtungsleiter sehr selten. Nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGuS) gibt es in Mecklenburg-Vorpommern 726 Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe mit insgesamt 6.407 Plätzen. 30 Einrichtungen im Land sind speziell für Mütter beziehungsweise Väter mit ihren Kindern vorgesehen.
Rückmeldungen aus mehreren Einrichtungen des DRK zeigen, dass Beleidigungen und Drohungen punktuell zum Arbeitsalltag dazugehören. Schwere Übergriffe auf Mitarbeitende seien laut DRK-Landesverband bisher nur selten vorgekommen. Aus einer Einrichtung wurde dem DRK beispielsweise in diesem Jahr ein Vorfall gemeldet, bei dem eine Mutter eine Mitarbeiterin zurückdrängte, festhielt und schubste. In einer Mutter-Vater-Kind-Einrichtung kam es zu anonymen Drohanrufen. Ein anderer Kreisverband berichtet von zwei Fällen innerhalb von rund 30 Jahren, bei denen Eltern bzw. Jugendliche versucht hätten, sich gewaltsam Zutritt zu einer Einrichtung zu verschaffen.
Schwierige Gespräche möglichst zu zweit
Um Mitarbeitende zu schützen, setzen die Einrichtungen laut DRK auf unterschiedliche Maßnahmen. Dazu gehören kontrollierte bzw. geschlossene Zugänge und Gewaltschutzkonzepte. Schwierige Gespräche werden nach Möglichkeit zu zweit geführt, Mitarbeitende werden in Deeskalation geschult, Hausverbote können ausgesprochen werden. DRK-Angaben zufolge werden diese Maßnahmen nach der Tat von Stade erneut überprüft.
An einzelnen Standorten wurde bereits entschieden, dass Beschäftigte ihre Diensttelefone künftig direkt am Körper tragen sollen. Diskutiert werden auch Risikoanalysen vor möglicherweise konfliktreichen Gesprächen. Eine flächendeckende Risikoanalyse für sämtliche Kontakte hält das DRK allerdings für schwierig. Der Kontakt der betreuten Kinder und Jugendlichen zu ihren Eltern und Angehörigen sei Teil der pädagogischen Arbeit und ausdrücklich gewollt.
Auch Jugendamt-Mitarbeitende gefährdet
Laut dem Jugendamt des Landkreises Rostock hat "der Fall in Stade [...] das Sicherheitsgefühl vieler Mitarbeitender verständlicherweise beeinflusst." Das Thema Sicherheit betrifft nicht nur die Beschäftigten in Wohngruppen und anderen Einrichtungen, sondern auch die Mitarbeitenden der acht Jugendämter des Landes.
Das Jugendamt des Landkreises Rostock berichtet von einzelnen Situationen, in denen Mitarbeitenden Gewalt angedroht wurde. Je nach Situation reagiert der Landkreis mit Hausverboten, einem zeitweisen Sicherheitsdienst oder individuellen Schutzmaßnahmen. Laut Anja Kerl, Dezernentin für Finanzen und Soziales, hat der Fall von Stade das Sicherheitsgefühl vieler Beschäftigter beeinflusst: "Fest steht aber auch, dass es eine absolute Sicherheit in diesem Arbeitsfeld nicht geben kann. Deshalb haben wir den Vorfall zum Anlass genommen, unseren Mitarbeitenden im Amt für Kinder- und Jugendhilfe Gesprächsangebote zu machen und im Amt gemeinsam zu erörtern, welche weiteren Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigten sinnvoll und erforderlich sein können."
Landesjugendamt verstärkt Beratung zum Schutz vor Gewalt
Vorgaben zur Sicherheit gibt es laut LAGuS bereits bei der Betriebserlaubnis. Träger müssen dem Landesjugendamt unter anderem ein Gewaltschutzkonzept vorlegen. Dazu gehören Notfallpläne für akute Gewaltsituationen, Deeskalationsschulungen und Verfahren zur Dokumentation und Aufarbeitung von Vorfällen.
Nach dem Fall von Stade will die Behörde öffentliche und freie Träger verstärkt für Übergriffe durch Außenstehende sensibilisieren. Krisen- und Notfallpläne sollen aktualisiert und erprobt werden. Zudem soll die Zusammenarbeit mit Polizei und Rettungsdiensten stärker in den Blick genommen werden.
Sicherheitstrainings in Güstrow
Auch in Güstrow wird das Thema Sicherheit regelmäßig trainiert. Mitarbeitende nehmen an Deeskalationsseminaren und Fortbildungen zur gewaltfreien Kommunikation teil, außerdem gibt es einen engen Austausch mit Jugendamt und Polizei. Mehr Sicherheit sei wichtig, sagt Einrichtungsleiter Gunnar Quaas, "aber daraus einen Hochsicherheitstrakt mit Wachschutz und Sicherheitsdienst zu machen, wird nie passieren. Dann ist es keine Jugendhilfeeinrichtung mehr." Die Einrichtung solle trotz aller Schutzmaßnahmen ein Zuhause bleiben - und genau darin liege die Herausforderung.