Bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September dürfen erstmals auch 16- und 17-Jährige ihre Stimme abgeben. Rund zwei Prozent der Wahlberechtigten sind unter 18 Jahre alt – das sind weniger als 30.000 Menschen. Ob sie den Ausgang der Wahl beeinflussen können, hängt von der Knappheit des Ergebnisses ab.
Fachleute bewerten die Absenkung des Wahlalters unterschiedlich
Die Politikwissenschaftlerin Sabine Achour von der Freien Universität Berlin hält das heruntergesetzte Wahlalter für richtig und wichtig. „Aus der Jugendforschung wissen wir, dass Jugendliche ihre Interessen politisch nur wenig berücksichtigt sehen – was mit Blick auf Klima oder Wehrpflicht besonders deutlich wird“, sagt sie. Junge Menschen seien durchaus in der Lage, politische Fragen zu verstehen und abzuwägen. Kritische Stimmen befürchteten dagegen eine mangelnde Urteilsfähigkeit – das findet Achour nicht überzeugend, denn auch ältere Menschen urteilten politisch nicht zwingend rational.
Jochen Müller von der Universität Greifswald sieht es ähnlich: „Studien zeigen, dass 16- und 17-Jährige ihre Wahlentscheidungen ähnlich ernsthaft und konsistent treffen wie ältere Erstwähler.“ Mit der Wahlberechtigung verändere sich auch das politische Verhalten: „Wer wählen darf, informiert sich eher, spricht häufiger über Politik und nimmt politische Entscheidungen stärker als persönlich relevant wahr.“
Diese Bundesländer erlauben das Wählen ab 16
Neben Mecklenburg-Vorpommern liegt das Mindestalter bei Landtagswahlen auch in Hamburg, Schleswig-Holstein, Bremen, Berlin, Brandenburg, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen bei 16 Jahren. Eine Kandidatur ist grundsätzlich ab 18 Jahren möglich. In Berlin, wo am 20. September ein neues Abgeordnetenhaus gewählt wird, ist es ebenfalls die erste Wahl mit Wahlrecht für Minderjährige.
Fachleuten zufolge entscheiden sich viele Menschen erst kurz vor der Wahl, welcher Partei sie ihre Stimme geben. „Auch junge Menschen entscheiden sich häufig erst im Wahlkampf“, sagt Müller. Sie orientierten sich wie ältere Wählerinnen und Wähler an der Frage, welche Politik nach der Wahl gemacht werden solle. „Weil sie oft weniger fest an Parteien gebunden sind, können aktuelle Themen, Wahlkampf und Social Media stärker wirken.“ Generell würden junge Menschen in ihren politischen Einstellungen durch ihr soziales Umfeld beeinflusst, ergänzt Achour. Auch Social Media und Schule prägten die eigene Überzeugung. Das Wahlrecht ab 16 könne wie ein Brennglas wirken und soziale Ungleichheiten deutlicher sichtbar machen.
Welche Parteien könnten von den jungen Wählern profitieren?
„Junge Menschen sind keine homogene Gruppe“, sagt Müller. Es komme etwa auf Bildung, Geschlecht und Wohnort an. Junge Frauen mit höherer Bildung in Großstädten seien etwa deutlich anders eingestellt als junge Männer außerhalb von Großstädten und ohne entsprechendes Bildungsniveau. Es lasse sich demnach nicht seriös sagen, dass eine bestimmte Partei automatisch profitiere. Bundesweite Studien zeigen laut Müller zuletzt besonders starke Potenziale für Linke und AfD, allerdings in sehr unterschiedlichen Gruppen.
Achour und Müller sind sich sicher: Parteien, die junge Menschen glaubwürdig ansprechen, hätten bessere Chancen. Inhalte müssten nicht nur verständlich sein, sondern könnten auch mit Witz oder Musik verpackt oder über bekannte Persönlichkeiten transportiert werden, sagt Achour. „Komplexe politische Zusammenhänge lassen sich aber nicht immer in wenigen Sekunden angemessen erklären. Deshalb sollte es nicht nur darum gehen, junge Menschen zu erreichen, sondern sie tatsächlich einzubeziehen.“
Können die unter 18-Jährigen die Wahl entscheiden?
„Allein entscheiden sie keine Landtagswahl“, sagt Müller. „In knappen Situationen können sie aber relevant werden, etwa bei Parteien nahe der Fünf-Prozent-Hürde oder bei sehr engen Mehrheiten.“ Der größere Effekt sei aber unabhängig vom Wahltag: Wer früher wählen dürfe, setze sich früher mit Politik auseinander, oft noch in der Schule oder im Elternhaus. Zudem könne wählen zur Gewohnheit werden: „Wer früh wählt, hat bessere Chancen, auch bei zukünftigen Wahlen wieder zu wählen.“
Der Landesjugendring hat auch in diesem Jahr eine Kinder- und Jugendwahl organisiert, erstmals eine U16-Wahl. Bei der U18-Wahl vor der vergangenen Landtagswahl 2021 lag bei den Jugendlichen die SPD mit rund 20 Prozent vorn, gefolgt von CDU, AfD, Grünen, FDP und Linke.