Arbeitgeberpräsident warnt vor verlorenem Jahrzehnt für deutsche Wirtschaft
Arbeitgeberpräsident warnt vor verlorenem Jahrzehnt

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger hat vor einem verlorenen Jahrzehnt für die deutsche Wirtschaft gewarnt. „Dieses Jahrzehnt ist von Rezession und Stagnation geprägt. Das letzte große Geschäftsjahr der deutschen Wirtschaft war 2019, seitdem verwalten wir den Rückstand“, sagte Dulger der Deutschen Presse-Agentur.

Dulger: Sieben Jahre Stagnation

Dulger betonte, dass der Aufholprozess Zeit brauche. „Wir hatten sieben Jahre Stagnation, während unsere Wettbewerber gute Jahre hatten. Diesen Abstand holt kein Beschluss in einer Sitzungsnacht auf.“ Er kritisierte zu hohe Abgaben, Energiekosten, Bürokratie und eine veraltete Infrastruktur. „Das ist der Zustand des Standorts.“

2025 seien fast 1,4 Billionen Euro der Wirtschaftsleistung in den Sozialstaat geflossen – nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums. Die Bürokratie koste die Wirtschaft 146 Milliarden Euro jährlich. „Es wird ein Jahrzehnt Arbeit, und wir haben schon eines verloren.“

Industrie fordert Reformumsetzung

Tanja Gönner, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), sagte der dpa: „Vertrauen in den Standort entsteht erst, wenn weitere Entlastungsschritte bei Steuern, Bürokratie, Energie- und Infrastrukturkosten folgen und spürbar in den Unternehmen ankommen.“ Das Reformpaket der schwarz-roten Koalition vom Juli 2026 sei ein richtiger Schritt, müsse aber konkret umgesetzt werden.

Reformpaket der Koalition

Die Regierung einigte sich Anfang Juli auf ein Reformpaket mit Maßnahmen zum Bürokratieabbau, zur Stabilisierung der Sozialabgaben und zur Entlastung der Steuerzahler. Ein Sparpaket bei der gesetzlichen Krankenversicherung ist bereits beschlossen. Die Konjunkturprognose für 2026 wurde auf 0,5 Prozent Wachstum gesenkt, für 2027 auf 0,9 Prozent.

Vertrauen in Politik schwindet

Gönner erklärte, viele Unternehmen hätten bereits Vertrauen verloren. „Wir hatten vor zwei Jahren unter der früheren Bundesregierung schon mal ein Wirtschaftsprogramm, von dem nichts umgesetzt wurde.“ Sie warnte: „Wenn die nächste Investition im Ausland erfolgt, wird dort die Produktion hochgefahren und nicht in Deutschland.“

Auf die Frage nach Fehlern der Industrie sagte Gönner: „Vielleicht haben wir manche Signale erst spät erkannt. Ich vermute, wir waren nicht früh genug im Fitnessstudio - oder haben zu spät gemerkt, dass wir überhaupt hinmüssen.“

Forderung an Kanzler Merz

Dulger forderte von Kanzler Friedrich Merz (CDU) und der Regierung, Reformen zu erklären: „Wir reformieren die sozialen Sicherungssysteme nicht, um sie zu schleifen, sondern um sie zu behalten. Wer das nicht erklärt, darf sich über Widerstand nicht wundern.“