Wie Aktivisten den rassistischen Rostocker Oberarzt enttarnten
Rassistischer Oberarzt: Wie Aktivisten ihn enttarnten

Ein Hinweis aus der Community brachte die Aktivisten von „Hooligans Gegen Satzbau“ (HoGeSatzbau) auf die Spur eines Rostocker Oberarztes, der gewaltverherrlichende und fremdenfeindliche Kommentare in den sozialen Medien veröffentlicht hatte. Nachdem die Aktivisten die Vorwürfe geprüft und öffentlich gemacht hatten, stellte die Universitätsmedizin Rostock den Mediziner frei und erstattete Anzeige.

Kommentare mit Gewaltandrohungen

Unter seinem öffentlichen Social-Media-Profil kommentierte der Oberarzt unter anderem: „Also ich sehe nur Heizmasse, die unser Energieproblem lösen kann! Remigrieren oder Lager“, „Remigrieren oder kremieren“ oder „… Ölaugen bekommen 6x6 in die Stirn, wenn sie mich oder meine Familie bedrohen!“. Die Aktivisten veröffentlichten die Äußerungen vor wenigen Tagen, woraufhin mehrere Medien berichteten und die Klinik reagierte.

Zwei Aktivisten gegen Hass im Netz

Hinter HoGeSatzbau stecken nur zwei Personen: Initiatorin Frauke „Kiki“ Seeba und ihr Partner Matthias Seeba-Gomille. Seit mehr als zehn Jahren beschäftigen sich die beiden mit Hass und menschenfeindlichen Aussagen im Netz. Die Idee entstand als Gegenbewegung zu „Hooligans gegen Salafisten“, die 2014 in Köln eine Demonstration mit rund 2000 Teilnehmern organisierten. Anfangs traten sie maskiert auf, heute arbeiten sie unter den Namen „HoGeSatzbau“ und „AktivIstMuss“ und traten unter anderem bei Veranstaltungen der Landeszentrale für politische Bildung in Kiel auf.

Prüfung vor Veröffentlichung

Bevor ein Kommentar veröffentlicht wird, prüfen die Aktivisten ihn genau. Bei jüngeren Profilen untersuchen sie etwa, ob ein Identitätsdiebstahl vorliegen könnte. Im Fall des Oberarztes stießen sie auf ein Profil, das seit 2011 existierte und ein durchgängiges Postingverhalten aufwies – ein Hinweis darauf, dass es sich nicht um einen Fake-Account oder ein gehacktes Konto handelte. Der Tipp kam per Instagram-Direktnachricht aus der Community, bereits einige Wochen vor der Veröffentlichung. Der Hinweisgeber musste zunächst einen Link nachliefern, da der ursprüngliche Kommentar gelöscht worden war.

Öffentlicher Druck und Reaktionen

Nach der Veröffentlichung meldeten sich Personen aus dem Umfeld des Klinikpersonals bei HoGeSatzbau und gaben an, dass der Fall offenbar kein Einzelfall sei. Ob weitere Vorfälle bekannt waren, muss nun geklärt werden. Die Aktivistin zeigte sich überrascht von der Freistellung des Mediziners, die sie auf den öffentlichen und medialen Druck zurückführt. Gleichzeitig betont sie, dass hinter einem Hass-Kommentar nicht der klassische „Online-Randalierer“ stecken müsse – auch ein Arzt könne solche Aussagen machen.

Die Aktivisten erhalten zahlreiche Hinweise: An einem Tag seien mehrere hundert Nachrichten eingegangen, unter einem Beitrag hätten mehr als 6000 Kommentare gestanden. Kiki beobachtet zudem eine zunehmende Radikalisierung durch KI-generierte Inhalte und Filterblasen. Sie fordert mehr Widerspruch aus der Gesellschaft sowie konsequentere Strafverfolgung und bessere Schulung der Polizei für Dynamiken im Internet. Für ihre Arbeit werden die Aktivisten selbst bedroht – zuletzt wurde die Familie „gedoxxt“, persönliche Daten wurden ohne Einwilligung veröffentlicht. Eine vorliegende Nachricht enthält Drohungen mit Vergewaltigung und Tötung eines Kindes. In diesem Fall gab es eine Anzeige, Ermittlungen und eine Gefährderansprache. Trotz allem machen Kiki und ihr Partner weiter: Nachrichten würden morgens ab sechs Uhr und bis etwa Mitternacht bearbeitet.