„Lori“ von Anousch Müller: Ein Roman über Familiengeheimnisse und seelische Gesundheit
„Lori“ von Anousch Müller: Familiengeheimnisse und Heilung

Anousch Müller schreibt in ihrem neuen Roman „Lori“ gegen jede Erwartbarkeit an. Es geht um seelische Gesundheit, eine schwierige Kindheit, die Aufarbeitung vergangener Katastrophen und ein Familiengeheimnis, das über allem schwebt. Das Buch tut weh und tröstet zugleich.

Lenis Kindheit auf dem Bahnhofsgelände

Die Hauptfigur Leni verbringt eine wilde Kindheit auf einem stillgelegten Bahnhofsgelände, wo ihre Eltern das große Gebäude gekauft haben. Sie hat fünf Geschwister, eine innerlich abwesende Mutter und einen Vater, der als Sanitäter arbeitet und auch privat oft für Kinder und deren Freunde im Einsatz ist. Leni beschäftigt sich heimlich mit der Geschichte ihrer Familie vor ihrer Geburt.

Drei Minuten entscheiden über Leben und Tod

Sie findet heraus, dass ihre Mutter 1975 fast durch einen Flugzeugabsturz auf das Wohnheim eines Textilkombinats in Cottbus ums Leben gekommen wäre. Das Unglück trug sich tatsächlich zu. Die Mutter war nur durch einen Zufall nicht im betroffenen Gebäude: Drei Minuten trennten sie vom Flammentod. „Katharina würde sich den Rest ihres Lebens fragen, wo sie diese drei Minuten verloren hatte. Ja, sie dachte an das Wort verloren. Oder auch verbummelt. Wo hatte sie die drei Minuten, die ihr das Leben retteten, verbummelt.“

Das Familiengeheimnis wirkt in allen Figuren

Die Mutter leidet an Depressionen und Sehnsucht nach dem Tod, verursacht durch einen gescheiterten Fluchtversuch aus der DDR. Doch sie liebt ihre Kinder. „Es beginnt mit Paul: Paul war mit Unbedarftheit gesegnet und wollte davon nichts wissen. Weder vom Unglück seiner Eltern noch seiner Geschwister. Aber auch in ihm arbeitete das Geheimnis.“ Leni ist überzeugt, dass die Aufarbeitung der Katastrophe als Kitt für die Familie wirken kann. Geschrieben ist das Buch so, dass man es und die Personen umarmen möchte.

Buchdetails

„Lori“ von Anousch Müller hat 205 Seiten, ist im Verlag C.H. Beck erschienen (ISBN 978-3-406-85124-7) und kostet 24 Euro.