Der Rostocker Podcast „Ohren für Senioren“ gibt Menschen mit und ohne Demenz eine Stimme, die in Altenheimen der Hansestadt leben. Alle zwei Wochen erscheint eine neue Folge, die Lebensgeschichten bewahrt, die sonst hinter den Türen der Pflegeheime verloren gehen könnten.
Ein Projekt aus Eigeninitiative
Ins Leben gerufen wurde der Podcast von der Seelsorgerin Almut Kaplan und der angehenden Sozialarbeiterin Tinke Girulat, die aktuell noch studiert. Das Projekt ist komplett eigenfinanziert und wird in der Freizeit geschnitten. „Wir brennen einfach dafür“, sagen die Podcasterinnen.
Das Audioformat habe sich als ideal erwiesen: „Audio ist sehr persönlich“, erklärt Kaplan. „Es fordert den Senioren aber kein anstrengendes Kamerasetting ab.“
Berührende Geschichten aus dem Heim
Eine bettlägerige Dame in einem Rostocker Pflegeheim quälte wochenlang eine innere Unruhe. Erst nach vielen Besuchen öffnete sie sich Kaplan: Als junges Mädchen war sie zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges Flakhelferin in Wien. Ein englisches Flugzeug tauchte direkt vor ihrem Posten auf, der Pilot zielte auf sie. „In Todesangst hat sie ihren Stahlhelm abgenommen und ihre langen Haare fielen runter“, berichtet Kaplan. Der Pilot habe innegehalten, die Waffe abgedreht und sei davongeflogen. „Ich lebe nur noch, weil es englische Gentleman gibt“, habe die alte Dame gesagt. Kurz darauf verstarb sie friedlich. Die Geschichte hatte sie nie zuvor erzählt.
Weisheit und Demenz im Gespräch
Gundula R. (100) erzählte 2022 von ihrer Kindheit in Warnemünde: „In Warnemünde wurde, solange ich Kind war, keine einzige Tür abgeschlossen. Am Tag nicht und nachts auch nicht. Und es ist nie etwas gestohlen worden. Als meine Mutter einmal auf den Dachboden ging, lag da ein armer Handwerksbursche. Und was hat sie gemacht? Sie brachte ihm Essen. Er ist doch nicht eingebrochen, sagte meine Mutter, die Tür war ja offen!“
Beim Umgang mit demenziell Erkrankten wird das Umfeld einbezogen. „Wir fragen immer auch das Umfeld und die Angehörigen“, betont Girulat. „Denn manchmal verwischen die Erinnerungen.“ Eine Bewohnerin habe voller Überzeugung von ihrem Hund erzählt, der allein Straßenbahn gefahren sei. Im Gespräch mit der Tochter stellte sich heraus, dass es nie einen Familienhund gegeben habe.
Kaplan fasziniert besonders die Leistungen vieler Bewohner: „Zum Beispiel hat eine heute demenzkranke Frau, die mit 13 Jahren zur Vollwaise wurde, ihre drei kleinen Geschwister im Nachkriegs-Rostock allein durchgebracht.“ Diese Dame habe zuerst nichts erzählen wollen – „Sie sei ja keine Gräfin Dönhoff“. Als eine Pflegekraft hereinkam, sagte sie stolz: „Jetzt nicht, ich gebe gerade ein Interview.“ Kaplan: „Da hatte ich wirklich Gänsehaut.“
Umgang mit dem Alter und Schattenseiten der Pflege
Kaplan sieht täglich, wie unterschiedlich Menschen mit dem Alter umgehen. „Manche schimpfen nur und man kann ihnen gar nichts recht machen“, erzählt sie. Margarethe F. (93) empfindet das Altsein als „irgendwie schön, weil bestimmte Dinge nicht mehr so wichtig sind“. Gertrude V. (99) sagt: „Ich bin eine eklige alte Frau, die nur noch Arbeit macht.“ Heinz L. (90) formuliert: „Seit ich mir abgeschminkt habe, noch nützlich und schöpferisch sein zu wollen, geht es meiner Psyche besser.“
Durch ihre Arbeit als Altenseelsorgerin sieht Kaplan auch Schattenseiten des Pflegesystems. „Warum die Menschen unglücklich sind, ist nicht unbedingt der Tod, sondern wie mitunter mit ihnen umgegangen wird.“ Viele Ältere würden sagen, sie wollen nicht mehr leben, und meinen, sie wollen so nicht mehr leben. Gewalt in der Pflege fange im Kleinen an – dort, wo durch akuten Personalmangel die Empathie auf der Strecke bleibe. „Wenn eine hundertjährige Frau im Bett liegt und bittet: ‚Können Sie mir das Licht anmachen?‘ und die Pflegekraft antwortet: ‚Sie brauchen kein Licht und raus geht‘ – das ist auch eine Form von Gewalt.“
Am Ende sei es vor allem eine Sache, die jeder tun könne: „Sich Zeit nehmen!“ Das Schönste kommt für das Team, wenn die frisch produzierte Folge im Gemeinschaftsraum abgespielt wird: „Da ist es plötzlich mucksmäuschenstill“, so Kaplan. „Und dann sieht man, wie stolz die Menschen sind. Das ist einfach wunderbar.“