Kapitän Konrad Michaelis aus Warnemünde feiert am Dienstag, 27. Oktober, seinen 90. Geburtstag. Der gebürtige Stralsunder führte nach der Wende die heimischen Lotsen in die neuen Strukturen und wurde der erste Ältermann der Lotsen-Brüderschaft im Revier Wismar-Rostock-Stralsund.
Kollision am Nordkap 1964
Eine prägende Episode seiner Seefahrtzeit ereignete sich im Januar 1964 auf einer Reise des Massengutfrachters „Trattendorf“ von Murmansk nach Rostock. Als das Schiff in norwegischen Gewässern das Nordkap passierte, verstärkten Schneeschauer das trübe Grau des Polarwinters. Der damalige Chiefmate wurde während der Freiwache in seiner Kammer durch ein polterndes Geräusch aufgeschreckt, danach schrillten die Alarmglocken.
„Es hat eine Kollision gegeben“, erfuhr er auf der Brücke. Der Frachter stoppte, es herrschte eine gespenstische Szenerie. Nur das leise Geräusch der Hilfsdiesel war zu hören. Im Licht der Scheinwerfer war weit und breit nichts zu sehen. „Der Kapitän informierte die nächste norwegische Küstenfunkstelle und die heimische Reederei“, schildert er die Ereignisse.
Zurück am Unglücksort sah man ein Trümmerfeld von hölzernen Fischkisten und einen Rettungsring des Fischkutters „Nysjö“, mit dem das Schiff zusammengestoßen war. Die Suche nach Überlebenden des Kutters mit 14 norwegischen Seeleuten an Bord blieb leider erfolglos. Die heimischen Seeleute, die schuldlos am Seeunfall waren, kamen mit dem Schrecken davon.
Seefahrtkarriere seit 1953
Schon sein Großvater, Vater und Onkel fuhren zur See, waren Cap Horniers. Konny, wie ihn seine Freunde nennen, machte seine Lehre auf einem Tonnenleger beim damaligen Seehydrografischen Dienst. Er fuhr als Matrose auf dem Dampfer „Vorwärts“, dem ersten Schiff der DSR, und war nach dem Studium an der Seefahrtschule Wustrow auf weiteren Schiffen der Rostocker Reederei tätig – zunächst in Nord- und Ostseefahrt, später auch im Ostasiendienst. Nach entsprechender Qualifizierung wurde er 1965 Lotse und schließlich Lotsenkapitän für das Rostocker Hafenrevier.
In dieser Funktion war er drei Jahre auch in Angola in den Häfen Luanda und Namibe im Solidaritätseinsatz. Eine Geschosshülse aus Messing in seiner Wohnung erinnert noch heute an diesen gefahrvollen Dienst. Auf einem Foto sind neben weiteren maritimen Insignien auch der Überseeschlepper „Eisvogel“ zu sehen, den er 1976 mit einem großen Schwimmkran am Haken sicher von Cuxhaven nach Havanna brachte.
Erster Ältermann nach der Wende
Nachhaltig in Erinnerung ist ihm die Zäsur des Lotsendienstes im Zuge der Wiedervereinigung. Im Februar 1990 war zunächst die Bildung eines Lotsenrates erfolgt, der Michaelis zum Sprecher der Lotsen wählte. Die Berater der Kapitäne gehörten arbeitsrechtlich damals zum VEB Bagger-Bugsier-Bergungsreederei (BBB). „Etwa 100 Lotsen waren im Revier Wismar, Rostock und Stralsund einschließlich des Versetzdienstes tätig“, über 40 allein in Rostock. Seit April 1990 wussten sie, dass mit dem Einigungsvertrag, der auch die Übernahme des Lotsengesetzes der BRD beinhaltete, die Privatisierung auf sie zukommt.
Am 23. September 1990 fand in der Warnemünder Seefahrtschule die Gründungsversammlung mit damals 87 Kollegen statt. Konny Michaelis wurde zum Ältermann gewählt und übernahm die Führung der neuen Brüderschaft. Fachlich hatten die Ostdeutschen einen guten Ruf, mit den vielen, insbesondere sozialen Regularien galt es sich aber erst vertraut zu machen. Kontakt mit der Bundeslotsenkammer hatte er bereits zuvor aufgenommen und fand hier partnerschaftliche Hilfe beim Aufbau der neuen Strukturen. Als Problem erwies sich der hohe Personalbestand, der nach der Währungsunion mit dem dramatischen Rückgang der Schifffahrt im Revier in keinem Verhältnis mehr stand. Auf seine Anregung wurde ein Transfer in Brüderschaften der alten Bundesländer angesteuert, wohin 24 heimische Kollegen wechselten.
Würdigung durch den Nachfolger
Konny Michaelis führte bis zum Jahr 2000 die heimische Brüderschaft. Die Zeit nach der Wende wertet er „als Herausforderung und arbeitsreiche Zeit“. Er hat darüber in mehreren Büchern berichtet, das Rostocker Hafenrevier anschaulich gemacht und stand beratend beim Ausbau der Hafenzufahrt wie der Neugestaltung der Molen den Hafenbauern zur Seite.
Beim jüngsten Stafettenwechsel der Lotsenchefs Ende März wurde Michaelis auf Hohe Düne herzlich von den Kollegen und Partnern der See- und Hafenwirtschaft begrüßt. Steffen Herz, der aktuell die heimische Brüderschaft als Ältermann führt, sagt über den Jubilar: „Von 1982 bis 2000 hat er als Ältermann vor allem auch die Gründung der neuen Lotsenbrüderschaft maßgeblich geprägt. Er galt als korrekter Mann. Mit großer Fachkompetenz hat er immer für klare Verhältnisse gesorgt. Überliefert ist sein Ausspruch: ‚Arbeite hart, vermeide Cliquenbildung‘.“ Konrad Michaelis selbst meint bescheiden, dass er als Ältermann nur der „Primus inter pares“, der Erste unter Gleichen gewesen sei.