Wagner hören – Darf man das? Das Ringen um eine Gedenkveranstaltung
Wagner hören – Darf man das? Bayreuths schwierige Vergangenheit

In den langen Pausen zwischen den Opernaufzügen im Bayreuther Festspielhaus haben Besucher Zeit, die Outdoor-Ausstellung „Verstummte Stimmen“ zu besuchen, die an verfolgte und ermordete jüdische Mitwirkende erinnert. Seit kurzem gibt es ein Digitalprojekt gleichen Namens, das Schicksale von 300 Künstlern und Mitarbeitern großer deutscher Opernhäuser aufbereitet, die in der NS-Zeit ausgegrenzt, verfolgt oder ermordet wurden. Bayreuths Oberbürgermeister Andreas Zippel (SPD) betont: „Wir geben den 'Verstummten Stimmen' wieder eine Stimme.“

Der schwierige Umgang mit der Vergangenheit

Die Vergangenheit ruht nicht am Grünen Hügel. Das Ringen um eine Gedenkveranstaltung zum 150. Festspieljubiläum zeigt, dass die Schatten nicht so leicht loszuwerden sind. Richard Wagner (1813-1883) äußerte sich wiederholt antisemitisch. Ob sich dies auch in seinen Werken niederschlug, ist Gegenstand der Forschung. Der Theater- und Musikwissenschaftler Anno Mungen sagte dem BR, er sei überzeugt, dass sich Wagners Antisemitismus etwa im „Ring“ finde.

Michel Friedmans Rede mit Spannung erwartet

Mit Spannung wird die Rede des jüdischen Publizisten Michel Friedman am 26. Juli im Festspielhaus erwartet. Die Veranstaltung war zunächst wegen Sicherheitsbedenken abgesagt worden, nach einem Sturm der Entrüstung entschuldigte sich Festivalchefin Katharina Wagner bei Friedman. Der „SZ“ sagte Friedman: „Der Boden in Bayreuth ist kontaminiert. Wagner streute das Gift, in den Dreißigerjahren brachte man es in Bayreuth noch tiefer in den Boden ein, und mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland ist hier nichts aufgeräumt worden.“

Späte Aufarbeitung in Bayreuth

Autor Bernd Buchner („Wagners Welttheater“) sagt: „Den Anspruch, die Vergangenheit aufzuarbeiten, hat Katharina Wagner selbst nicht eingelöst. Die Aufarbeitung der Vergangenheit begann in Bayreuth ohnehin sehr spät, also viel später als in anderen bundesrepublikanischen Bereichen.“ Man habe die Vergangenheit sehr lange verdrängt. „Es war seitens der Festspiele immer eine gewisse Passivität oder ein gewisses Unvermögen, das an Fahrlässigkeit grenzt, spürbar, mit der Vergangenheit vernünftig umzugehen“, ergänzt Buchner. Die entscheidenden Impulse seien eher aus der Wissenschaft gekommen.

Vom NS-Zentrum zum Vorzeigekulturbetrieb

Wie gelang der Wandel? Der erste Bundespräsident und der erste Kanzler, Theodor Heuss und Konrad Adenauer, hätten sich Bayreuth aus politischen Gründen verweigert, erläutert Buchner. Aber Bayreuth sei ein Spiegel deutscher Geschichte: „Man hat sich mit der Vergangenheit überhaupt nicht auseinandergesetzt, sondern hat quasi analog zum bundesdeutschen Wirtschaftswunder ein Kunstwunder vollbracht, indem Wieland Wagner die Wagner-Opern neu erfunden hat.“

Später besuchten der heutige britische König Charles, das schwedische Königspaar und Michail Gorbatschow die Festspiele. Seit Angela Merkel Kanzlerin wurde, ist der Festspielauftakt für die Spitzenpolitik ein Pflichttermin.

Aufarbeitung auf der Bühne

Die Aufarbeitung ist auch auf die Bühne gewandert: Katharina Wagner thematisierte die dunkle Geschichte in ihrer Debüt-Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“. Barrie Kosky ließ für das Bühnenbild derselben Oper den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse nachbauen. Stefan Herheims „Parsifal“ gilt noch heute als Maßstab für die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte.

Muss man die Vergangenheit stets mitdenken? „Ich würde sagen, es gibt keinen Zwang, irgendetwas zu wissen. Man sollte das auch nicht aufnötigen“, betont Buchner. „Aber je weiter ein aufgeklärtes historisches Bewusstsein im Publikum verbreitet ist, desto aufnahmebereiter ist man natürlich für Inszenierungen, die auch kritisch sind und sich auch kritisch mit der eigenen Bayreuther Geschichte auseinandersetzen.“

Blick über die NS-Zeit hinaus

Man sollte nicht nur auf die NS-Zeit blicken, sondern bereits ins Jahr 1923. Die Wagners und Bayreuth seien erheblich am Aufstieg des Nationalsozialismus beteiligt gewesen. Historiker Sven Fritz vom Projekt „Verstummte Stimmen“ erinnert daran, dass die Bayreuther Besetzungspolitik schon seit Ende des 19. Jahrhunderts darauf abzielte, jüdische Mitwirkende auszuschließen – eine „jahrzehntelang gültige Firmenpolitik“.

Vladimir Jurowski, Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München, sagte der dpa: „Wagners Opern haben das NS-Regime und das Ende des Zweiten Weltkriegs überlebt. Etwas Schlimmeres für die Wagner-Rezeption als Hitlers persönliche Sympathie für Wagner und seine persönliche Vorliebe für seine Werke hätte es wohl nicht geben können. Und doch ist Hitler lange tot, das NS-Regime - Gott sei Dank - längst Geschichte, und Wagners Opern werden fast überall in der Welt nach wie vor gespielt.“