Warum ich einem fremden Mädchen in die falsche Bahn folgte
Warum ich einem fremden Mädchen in die falsche Bahn folgte

An einem ganz normalen Morgen, nachdem sie ihre Tochter zur Betreuung gebracht hatte, wartete unsere Autorin an einer Haltestelle auf ihre Bahn. Neben ihr standen eine ältere Frau und zwei Männer, die sich laut unterhielten. Dann kam ein offensichtlich minderjähriges Mädchen dazu, vermutlich auf dem Weg zur Schule, mit Kopfhörern und Handy beschäftigt.

Die Sprüche der Männer

Plötzlich sagte einer der Männer: „Für diesen Arsch würde ich auch ins Gefängnis gehen.“ Es folgte Gelächter, dann: „Was meinst du, wie alt die Kleine ist?“ Und schließlich: „Die Hose ist aber auch wirklich lecker.“ Die Autorin dachte: „Das kann doch jetzt nicht euer Ernst sein.“

Die ältere Frau und die Autorin sahen sich an – ein kurzer Blick, der reichte. Die Autorin stellte sich weiter nach vorne, in das Sichtfeld der Männer, und überlegte, ob sie etwas sagen sollte. Sie fragte sich, ob die Männer aggressiv werden könnten und ob sie das Mädchen damit erst auf das aufmerksam machen würde, was hinter ihrem Rücken geschah. Das Mädchen schien nichts gehört zu haben.

Die falsche Bahn

Als die Bahn kam, stiegen das Mädchen, die Männer und auch die Autorin ein – obwohl es gar nicht ihre Bahn war. Sie setzte sich hinter das Mädchen, die Männer gingen in einen anderen Teil der Bahn. Mit dem Handy in der Hand war sie bereit, jederzeit die Polizei zu rufen. Als das Mädchen ausstieg und die Männer sitzen blieben, wurde sie ruhiger – die Wut blieb.

Die Männer hätten vielleicht gesagt, es sei nur Spaß gewesen. Doch genau dieses „nur“ ist das Problem. Was an diesem Morgen geschah, war nach derzeitiger Rechtslage vermutlich keine Straftat. Ein widerlicher Spruch ist nicht dasselbe wie eine sexuelle Gewalttat, aber den Körper eines offensichtlich jungen Mädchens derart zu kommentieren, ist übergriffig – es hat einen Namen: Catcalling. Kleidung ist keine Einladung, und Frauen sind keine sexuellen Objekte.

Catcalling und die Rechtslage

Als Catcalling werden unerwünschte, sexualisierte Äußerungen oder Gesten im öffentlichen Raum bezeichnet, etwa anzügliche Kommentare, sexuelle Zurufe, Hinterherpfeifen oder obszöne Gesten. Verbales Catcalling ist in Deutschland bislang kein eigener Straftatbestand – je nach Verhalten können jedoch andere Straftatbestände erfüllt sein, etwa Beleidigung oder sexuelle Belästigung.

Erst Ende Juli wurde eine 24-Jährige in der Hagenower Chaussee in Schwerin angegriffen und zu Boden gerissen. Der Angreifer soll sexuelle Handlungen gegen ihren Willen beabsichtigt haben. Eine Zeugin hörte ihre Hilferufe und griff ein. Ein 37-jähriger Tatverdächtiger wurde festgenommen und kam in Untersuchungshaft. Diese Tat lässt sich nicht mit den Sprüchen an der Haltestelle vergleichen, erinnert aber daran, warum Hinsehen wichtig ist.

2025 wurden in Mecklenburg-Vorpommern 2573 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung registriert – 28,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Ursachen sind differenziert zu betrachten, unter anderem spielen mehr Hinweise zu Straftaten im digitalen Raum eine Rolle. Das Erlebnis der Autorin taucht in dieser Statistik nicht auf, war aber dennoch eine sexualisierte Grenzüberschreitung.

Was bleibt

Wer sich nachts auf dem Heimweg unwohl fühlt, kann das Heimwegtelefon nutzen. Ehrenamtliche begleiten Anrufende am Telefon, bis sie sicher zu Hause sind. Erreichbar ist es sonntags bis donnerstags von 21 bis 1 Uhr sowie freitags und samstags von 21 bis 3 Uhr unter 030 12074182 (deutschlandweit). Es gelten die Telefongebühren für Anrufe ins deutsche Festnetz.

Die Autorin fordert, Kinder früh über Respekt, Grenzen und ein Nein aufzuklären. Statt nur zu erklären, wie man nachts sicher nach Hause kommt, sollten sie von klein auf Respekt vor anderen Menschen und ein Verständnis für persönliche Grenzen mitbekommen. Niemand hat Anspruch auf den Körper eines anderen, und Kleidung ist niemals eine Einladung.

Ob ihre Reaktion an diesem Morgen richtig war, weiß die Autorin bis heute nicht. Aber eines weiß sie: Sie würde wieder in die falsche Bahn steigen und mit dem Mädchen mitfahren.