5. August 1991: Mehr als eine Million Ostdeutsche arbeitslos
5. August 1991: Mehr als eine Million Ostdeutsche arbeitslos

Am 5. August 1991 veröffentlichte die Bundesanstalt für Arbeit eine Meldung, die in Ostdeutschland viele Befürchtungen bestätigte: Im Juli war die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern um rund 226.000 Menschen gestiegen. Erstmals waren dort mehr als eine Million Menschen offiziell arbeitslos.

Vom Aufbruch zur Ernüchterung

Für viele, die 1989 auf den Straßen demonstriert hatten, war das ein harter Bruch mit der Wende-Euphorie. Reisefreiheit, D-Mark und volle Läden waren Wirklichkeit geworden. Doch gleichzeitig verschwand etwas, das in der DDR zum Alltag gehört hatte: der sichere Arbeitsplatz.

Arbeitslosigkeit war für frühere DDR-Bürger keine normale Lebenserfahrung. Erwerbstätigkeit galt nicht nur als Pflicht, sondern auch als staatlich garantierter Normalzustand. Wer nicht arbeitete, konnte in der DDR sogar kriminalisiert werden. Offiziell gab es keine Arbeitslosigkeit. Umso härter traf viele Menschen die neue Lage nach 1990: finanziell, sozial und persönlich.

Der Arbeitsplatz als Lebensmittelpunkt

Der Arbeitsplatz war im Osten weit mehr als die Grundlage des Einkommens. An den Betrieben hingen Kantinen, Ferienplätze, Kulturhäuser, Kinderbetreuung, Sportgruppen, Freundschaften und feste Alltagsroutinen. Wenn ein Werk geschlossen wurde, verlor ein Ort oft mehr als nur Arbeitsplätze.

Der Einschnitt hatte sich seit der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990 abgezeichnet. Für viele private Haushalte war die D-Mark ein Versprechen: eine stabile Währung, Westwaren, mehr Auswahl. Für viele DDR-Betriebe wurde sie zum Problem. Löhne, Rechnungen und Kredite mussten nun in D-Mark bezahlt werden, während Maschinen, Produkte und Vertriebswege oft nicht konkurrenzfähig waren.

Die Treuhand und ihre Folgen

Im Zentrum dieses Umbaus stand die Treuhandanstalt. Sie sollte die volkseigenen Betriebe privatisieren, sanieren oder schließen. Bürgerrechtler hatten am Runden Tisch ursprünglich darüber nachgedacht, das Volkseigentum über Anteilsscheine den DDR-Bürgern zugutekommen zu lassen. In der Praxis wurde daraus eine Behörde, die in hohem Tempo Betriebe verkaufte, zerschlug oder abwickelte.

Von rund 12.000 Betrieben wurden mehrere Tausend privatisiert, viele andere geschlossen oder in Liquidation geführt. Am Ende gingen mehr als drei Millionen Arbeitsplätze verloren. Dass große Teile des früheren Volkseigentums an westdeutsche oder ausländische Käufer gingen, prägt die ostdeutsche Erinnerung bis heute.

Mecklenburg-Vorpommern besonders betroffen

Auch in Mecklenburg-Vorpommern war der Umbruch früh zu spüren. Schon im Mai 1991 lag die Arbeitslosenquote im Norden Ostdeutschlands über dem Durchschnitt der neuen Länder. Wer in Werften, Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie, Maschinenbau oder öffentlichen Einrichtungen arbeitete, merkte schnell: Die alte Sicherheit galt nicht mehr.

Besonders bitter war, dass viele Betroffene gut ausgebildet waren. Die DDR hatte eine hohe Erwerbsquote, auch bei Frauen, und ein starkes System der Berufsausbildung. Doch ein Facharbeiterbrief, ein Ingenieurabschluss oder jahrzehntelange Betriebserfahrung schützten 1991 nicht automatisch vor Kündigung, Kurzarbeit oder Umschulung.

Kurzarbeit verdeckte das wahre Ausmaß

Die Zahl von mehr als einer Million Arbeitslosen zeigte nur einen Teil der Krise. Neben den registrierten Arbeitslosen standen fast zwei Millionen Menschen in Kurzarbeit. Viele von ihnen arbeiteten gar nicht mehr, gehörten formal aber noch zum Betrieb. Für die Statistik sah das besser aus, für die Betroffenen war es oft nur der Schritt vor der Kündigung.

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Umschulungen, Vorruhestand und das Pendeln in den Westen federten den Zusammenbruch ab. Sie verhinderten, dass die offiziellen Zahlen noch dramatischer ausfielen. Am Kern änderte das wenig: Ostdeutschland erlebte Anfang der 90er Jahre einen industriellen Bruch, wie ihn Westdeutschland in dieser Geschwindigkeit nie durchmachen musste.

Frauen verloren besonders viel Sicherheit

Frauen traf der Wandel besonders hart. In der DDR gehörte Erwerbsarbeit für sie selbstverständlich zum Alltag, abgesichert durch Kinderbetreuung und betriebliche Strukturen. Nach 1990 änderte sich das schnell. Frauen wurden häufiger arbeitslos und hatten schlechtere Chancen, wieder eine Stelle zu finden.

Alleinerziehende, ältere Beschäftigte und Menschen aus Branchen mit starkem Stellenabbau gerieten besonders unter Druck. Wer früher gebraucht wurde, galt plötzlich als schwer vermittelbar. Für viele Ostdeutsche war das eine bittere Erfahrung: Die eigene Lebensleistung zählte auf einmal deutlich weniger.

Ein Datum mit langer Wirkung

Die Meldung vom 5. August 1991 war deshalb mehr als eine Arbeitsmarktstatistik. Sie machte amtlich, was in vielen Familien längst angekommen war. Die Einheit brachte Freiheit, Reisemöglichkeiten und neue Chancen. Sie brachte aber auch das Ende einer Arbeitswelt, die Millionen Menschen geprägt hatte.

Bis heute wirkt diese Zeit nach. Nicht, weil alle DDR-Betriebe hätten überleben können. Viele waren technisch rückständig, überschuldet oder abhängig von Märkten, die nach 1990 wegbrachen. Kritisch bleibt jedoch die Geschwindigkeit, mit der entschieden wurde, und die Art, wie viele Ostdeutsche dabei kaum Einfluss auf die Zukunft ihrer Betriebe hatten.

1991 sank die Zahl der Beschäftigten in Ostdeutschland rasant. Von rund 9,8 Millionen Erwerbstätigen im Jahr 1989 blieben in den folgenden Jahren deutlich weniger übrig. Später verfestigte sich die Arbeitslosigkeit in vielen Regionen. Mecklenburg-Vorpommern gehörte lange zu den Ländern mit besonders hohen Quoten und liegt heute im Ländervergleich weiterhin im hinteren Drittel.

Heute, 35 Jahre nach der Einheit, sehen viele Arbeitsmarktdaten besser aus. Doch der 5. August 1991 bleibt ein wichtiges Datum der ostdeutschen Nachwendezeit. Er steht für den Moment, in dem aus Hoffnung für viele Menschen eine harte Erfahrung wurde: Die neue Freiheit hatte einen Preis, und oft war es der Arbeitsplatz.