Der 100-jährige Andrej Iwanowitsch Moiseenko, einer der letzten Überlebenden des KZ Buchenwald, reist aus Minsk nach Vorpommern, um als Ehrengast beim Punkrock-Festival „Wasted in Jarmen“ aufzutreten. Die Band „Feine Sahne Fischfilet“ hatte den Jubilar zu ihrem Festival eingeladen.
Ein ungewöhnlicher Gast für das Festival
Die Anfrage aus Thüringen erreichte die Band „Feine Sahne Fischfilet“ aus Mecklenburg-Vorpommern im Frühjahr: „Andrej Iwanowitsch Moiseenko steht auf Punkrock und feiert seinen Hundertsten. Könnt ihr euch vorstellen, bei seiner Geburtstagsfeier zu spielen?“ Ungewöhnliche Bitten von und für Fans sind für die Musiker zwar keine Seltenheit – sie spielten schon in Wohnzimmern und Garagen. Doch diesmal ging es um einen der letzten Überlebenden des KZ Buchenwald.
Die Band sagte zu und reiste zum 100. Geburtstag von Moiseenko ins Deutsche Nationaltheater nach Weimar. Dort wird der Weißrusse als Ehrenbürger der Stadt geehrt. Weimar ist untrennbar mit dem KZ Buchenwald verbunden, das die Nazis von Juli 1937 bis April 1945 auf dem Ettersberg betrieben.
Ein Leben geprägt von Krieg und Verfolgung
Andrej Moiseenko wurde am 1. Mai 1926 in einem Dorf im Norden der heutigen Ukraine geboren. Er wuchs in einer bäuerlichen Familie auf, verlor früh seine Mutter und 1941 seinen Vater, der im Krieg fiel. Als Ältester von mindestens fünf Geschwistern versuchte er, sich um seine Geschwister zu kümmern. Bei der Suche nach Nahrung wurde er von deutschen Soldaten aufgegriffen und zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht. Er musste in einem Leipziger Rüstungsbetrieb arbeiten, geriet 1944 in den Verdacht, einer Widerstandsgruppe anzugehören, und wurde ins KZ Buchenwald überstellt. Dort leistete er Schwerstarbeit im Steinbruch, bis er ins Außenlager Wansleben verlegt wurde. Im April 1945 wurde er von der US-Armee befreit.
Nach dem Krieg wurde Moiseenko von der Roten Armee eingezogen und diente in der weißrussischen Sowjetrepublik. Der „Makel“ des KZ und der Arbeit „für die Deutschen“ hielt lange an. Mit 24 Jahren zog er die Uniform aus und blieb in Minsk. Er heiratete 1952, bekam zwei Söhne, arbeitete über 40 Jahre als Projektingenieur. Inzwischen ist er Witwer und hat seine Kinder überlebt. Er lebt als Selbstversorger, fährt noch Fahrrad und engagiert sich in der Geschichtswerkstatt Minsk.
Ein Ständchen auf der Festivalbühne
Bei der Geburtstagsfeier in Weimar beeindruckte Moiseenko die Band mit Liegestützen und seinem Lieblingslied „Auf das Leben“. Frontmann Jan „Monchi“ Gorkow lud ihn daraufhin zum Festival „Wasted in Jarmen“ ein: „Wenn du Zeit und Bock hast, dann laden wir dich zum ‚Wasted‘ ein. Da knallt es ordentlich und du bist unser Gast.“
Am Donnerstag, dem 3. September, wird beim „Kino am See“ eine Kurz-Doku über Moiseenko gezeigt. Tags darauf lädt Monchi zu einem Gespräch auf die Bühne in der Badeanstalt. In der folgenden Woche sind Zeitzeugengespräche mit Schülern der Region geplant. Der Höhepunkt ist das Konzert am Freitag, dem 4. September, wenn Moiseenko nach Einbruch der Dunkelheit mit der Band auf der großen Festivalbühne steht – vor weit über 5000 Zuschauern.