Die Bundesvorsitzende der Grünen, Franziska Brantner, hat sich vorgenommen, in Mecklenburg-Vorpommern um jede Stimme zu kämpfen. Bei einem Wahlkampfbesuch in Wismar unterstützte sie die Spitzenkandidatin Claudia Müller und den Wismarer Kandidaten René Fuhrwerk. In der Fußgängerzone zwischen einer Eisdiele und Restaurants sprach sie Passanten an und verteilte Infomaterial.
Nur wenige scheinen sie jedoch tatsächlich als Grünen-Vorsitzende zu erkennen. Laut Erhebungen von Infratest dimap liegt Brantners Bekanntheitsgrad auch zwei Jahre nach ihrer Wahl bei 43 Prozent. Im Vergleich zur Popularität früherer Vorsitzender wie Robert Habeck, Annalena Baerbock und Ricarda Lang ist das kein Spitzenwert. Allerdings polarisiert sie offensichtlich weniger als ihre Vorgänger.
Grüne bewegen sich auf dünnem Eis
Monatelang sah es so aus, als würden die Landtagswahlen im Osten für die Ökopartei im Vollfiasko enden. In Sachsen-Anhalt kamen die Grünen Anfang dieses Jahres auf drei Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern waren es vier. Inzwischen haben sich diese Werte auf sechs beziehungsweise fünf Prozent gesteigert. Allen in der Partei ist bewusst, wie dünn das Eis ist.
„Wir kämpfen hier um jede Stimme“, sagt Parteichefin Brantner. „Ich weiß, dass ich hier keine großen Hallen füllen werde. Aber ich will mit den Leuten ins Gespräch kommen und sie motivieren, zumindest demokratisch zu wählen.“ Ihr Kalkül: Mit den Grünen im Landtag wird es einfacher, Mehrheiten gegen die AfD zu organisieren.
Debatte um Dankbarkeit im Osten
Die Parteien der Mitte suchen nach Antworten auf den Erfolg der AfD. In den Umfragen sind sie entweder bereits einstellig – wie die Sozialdemokraten in Sachsen-Anhalt – oder nicht weit davon entfernt – wie die Christdemokraten in Mecklenburg-Vorpommern. Die Bevölkerung fühle sich auch 36 Jahre nach der Wiedervereinigung noch „abgehängt“, heißt es immer wieder. Aktuell läuft in Ost und West die Debatte, ob die Menschen im Osten schlicht zu „undankbar“ seien in Anbetracht der Geldtransfers aus dem Westen.
Wer lieber mit Zahlen als mit gefühlter Wahrnehmung argumentiert, könnte zu dem Ergebnis kommen: Wirtschaftlich geht etwas voran, zumindest in einigen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns.
Werft TKMS sucht Mitarbeiter
Wer sich Wismar mit dem Auto nähert, sieht schon von Weitem die großen, hohen Gebäude des Marineschiffbau-Unternehmens TKMS. Die Werft hat in ihrer 80-jährigen Geschichte mehrere Tiefschläge und zuletzt 2022 eine Insolvenz überlebt. Künftig werden dort U-Boote – wohl auch für Kanada –, das Forschungsschiff Polarstern II und möglicherweise auch Fregatten gebaut. Bis zu 1700 Beschäftigte sollen es in den kommenden Jahren werden, die Auftragsbücher seien bis in die 40er-Jahre hinein gefüllt.
„Wir haben hier ein so tolles Miteinander“, sagt eine Beschäftigte, die als Quereinsteigerin bei der TKMS angefangen hat. „Hier findet jeder, der will, einen Job“, ist die Mittfünfzigerin überzeugt. Ob etwas als Problem wahrgenommen werde oder nicht, sei wohl auch eine Frage des Umfelds und der biografischen Prägung.
Unterschiede zwischen Küste und Hinterland
Die Spitzenkandidatin Claudia Müller wirbt für einen differenzierten Blick auf ihre Heimat. Zwischen den größeren Küstenstädten wie Wismar und Rostock und dem Hinterland seien die wirtschaftlichen Unterschiede immens. Fernab der Küste gebe es kaum sogenannte Hidden Champions. In vielen Orten müssten junge Menschen, die eine gute Ausbildung oder einen guten Job anstrebten, nach wie vor ihre Heimat verlassen, sagt Müller. Dazu seien eher Frauen als Männer bereit – das führe mitunter zu Frustration bei den Zurückgebliebenen.
Die 45-jährige Politikerin ist in ihrer Region verwurzelt, auch wenn sie seit fast zehn Jahren dem Bundestag angehört und Parlamentarische Staatssekretärin unter dem damaligen Landwirtschaftsminister Cem Özdemir war. Auf Platz 1 der Landesliste kam sie erst im zweiten Anlauf – wegen parteiinterner Streitereien und Belästigungsvorwürfen gegen die bisherige Fraktionsvorsitzende Constanze Oehlrich. Müller tritt für bezahlbare Mieten und Klimaschutz ein.
Erneuerbare Energien als Standortvorteil
Mecklenburg-Vorpommern gehört mit viel Fläche und wenigen Einwohnern zu den wichtigen Windenergieländern in Deutschland. Das macht den Standort auch für stromhungrige Investoren attraktiv. Erst am Donnerstag bestätigte die Landesregierung in Schwerin, dass die Schwarz-Gruppe, bekannt durch ihre Handelsketten Lidl und Kaufland, 5,6 Milliarden Euro in ein Großrechenzentrum bei Rostock investieren wird. Für die Grünen steht zu befürchten, dass dieser Coup kurz vor der Landtagswahl am 20. September eher auf das Konto von Amtsinhaberin Manuela Schwesig (SPD) einzahlen wird.
Brantner wirbt indes weiter für den Ausbau der Erneuerbaren Energien. In einer Kneipe in Rostock kritisiert sie die Energiepolitik der Bundesregierung. Die Mineralölkonzerne hätten ihre Gewinne im zweiten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, sagt sie bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem Grünen-Politiker Ole Krüger, der auf Platz 2 der Landesliste steht. Merz habe versprochen, alles zu tun, um den Klimaschutz voranzutreiben. „Das Erste wäre, Frau Reiche zu stoppen. Sie bremst den Ausbau der Erneuerbaren vorsätzlich aus“, so Brantner.
Beim Haustürwahlkampf auf der Insel Poel öffnen die meisten bereitwillig die Tür, als es am Abend klingelt. An einem Gespräch sind allerdings nicht so viele interessiert. „Das muss auch nicht sein“, sagt Brantner. Da sein, Hallo sagen, Infomaterial in die Hand drücken und auf die Wahl aufmerksam machen, das sei schon ein Wert an sich. Feindseligkeiten bleiben auch hier aus.