Constance Jaiser und Sybille Böhler luden am Sonnabend in der Röbeler Mühle zu einem ungewöhnlichen Streifzug durch die deutsche Geschichte ein. Unter dem Titel „Alles Müller, oder was?“ wechselten sie dabei immer wieder die Perspektive und stellten die Frage, wie unterschiedlich ein historisches Ereignis betrachtet werden kann.
Die Mühle als Ausgangspunkt
Die Mühle selbst diente rund 60 Jahre lang als Jugendherberge und trug seit 1952 den Namen Philipp Müllers. Die Lesung widmete sich der Frage, wer der Mann war, dessen Name über Jahrzehnte zum Röbeler Alltag gehörte.
Das Schicksal Philipp Müllers
Philipp Müller war 21 Jahre alt, Schlosser, verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes. Er engagierte sich politisch, gehörte der damals im Westen noch nicht verbotenen FDJ an und trat der KPD bei. Am 11. Mai 1952 nahm er in Essen an einer Demonstration gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik teil, die kurzfristig verboten worden war. Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei fielen Schüsse, Müller wurde tödlich getroffen.
Während er in der DDR zur politischen Symbolfigur wurde und Straßen, Einrichtungen sowie die Röbeler Jugendherberge seinen Namen erhielten, geriet er in Westdeutschland weitgehend in Vergessenheit. Erst Jahrzehnte später entstanden dort neue Formen des Gedenkens.
Von Protesten bis zu Jugendfestspielen
Die beiden Frauen verfolgten die Geschichte des im Westen erschossenen Aktivisten und im Osten zum Märtyrer erklärten Mannes. Mit Zeitzeugenberichten, Gedichten und historischen Texten spannten sie den Bogen über den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 und die Studentenproteste der 1960er-Jahre bis zu den Weltfestspielen der Jugend 1973 in Ost-Berlin. Immer wieder ging es um Jugendliche, Protest, staatliche Macht und die Freiheit, die eigene Meinung öffentlich zu äußern.
Ein Ort des Austauschs
Am Ende führte der Weg zurück in die Gegenwart und nach Röbel. Die Mühle soll ein Ort des Austauschs bleiben – ein Ort „der Vielfalt, des Zuhörens und Sprechens“. Jaiser und Böhler wünschen sich diese Auseinandersetzung mit Geschichte und unterschiedlichen Sichtweisen auch stärker in der Schule. Denn Geschichte, so zeigte die Lesung, besteht aus mehr als nur Jahreszahlen und wirft Fragen auf, über die sich auch heute noch streiten und miteinander reden lässt.