Kubicki begeistert in Rostock – kein Wort zum Spitzenkandidaten
Kubicki in Rostock: Begeisterung ohne Spitzenkandidaten

Beim FDP-Wahlkampfauftritt auf dem Rostocker Universitätsplatz am Donnerstag, 3. September, traten nacheinander Jakob Schirmer, der FDP-Spitzenkandidat zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, und Wolfgang Kubicki, der FDP-Bundesvorsitzende, auf. Der Kontrast zwischen den beiden Rednern hätte größer nicht sein können.

Schirmer warnt als Prediger, Kubicki rockt die Bühne

Schirmer, Reserveoffizier und Professor für Staats-, Europa- und Verwaltungsrecht, las vom Manuskript ab und warnte mit bedächtiger Stimme wie ein Prediger: „Wir dürfen nicht hinnehmen, dass Rot-Rot und Blau als Mitte der Gesellschaft definieren. Die Mitte sind wir.“ Das Publikum wurde unruhig. Das bewölkte Wetter, das sich gerade erst zu stabilisieren schien, begann zu kippen.

Dann betrat Kubicki die Bühne und bei den schätzungsweise mehr als 100 Zuhörern brach Applaus aus. Der Regen schien verflogen. Schon länger reist der 74-Jährige, der Ende Mai zum Parteivorsitzenden gewählt wurde, durch Ostdeutschland – hält Reden, spricht mit den Menschen, hört sich die Probleme vor Ort an. Sofort war auch in der Hansestadt klar: Jetzt hält ein anderes Polit-Kaliber das Mikrofon. Ein Mann mit viel Wahlkampf- und Parlamentserfahrung, der wie ein gereifter Rockstar wirkt, der genau weiß, wie er sein Publikum in Stimmung bringen kann – ohne Manuskript.

Emotionale Anknüpfungspunkte und liberale Kritik

Kubicki setzte auf dezent gesetzte biografische und emotionale Anknüpfungspunkte. 1972 sei er erstmals in Rostock gewesen, so Kubicki. Es sei eine „wunderschöne Stadt“ mit beeindruckender baulicher Entwicklung. Er zitierte Joachim Gauck, der vom Glück des demokratischen Rechts des Wählendürfens in Freiheit gesprochen habe.

Dann präsentierte er seine größten Hits, die den Sound der FDP auch woanders prägen. Kubicki kritisierte geplante steuerliche Regelungen, die aus seiner Sicht keine spürbare Entlastung brächten. Mit Blick auf die öffentliche Verwaltung bemängelte er eine „fehlende Digitalisierung“ und zusätzliche Stellenaufwüchse entgegen politischer Ankündigungen. Neue Auflagen träfen auch Kleinstbetriebe, etwa bei Verpackungsvorschriften für den Export: „Sind wir bescheuert?“

Auch der „übergriffige Staat“ wurde in liberaler Manier kritisiert. Entscheidungen über Lebensgewohnheiten sollten bei den Bürgern liegen. Mit Blick auf die Corona-Pandemie sagte Kubicki, Impfentscheidungen seien „individuelle Abwägungen“.

Kein Wort zum Spitzenkandidaten

Was auffiel: Zum Spitzenkandidaten der FDP für die Landtagswahl verlor Kubicki kein Wort. Eine direkte Wahlempfehlung gab er auch nicht: „Entscheidend ist, dass Sie wählen gehen und Ihre Entscheidung selbst verantworten.“ Auch zur amtierenden Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), die gegenüber der bei Umfragen einst deutlich führenden AfD immer stärker aufholt – kein Wort.

Stattdessen äußerte sich Kubicki zur AfD und ihren Wählern: „Wer heute wie einige Medien fragt, wie man nur mit einem AfD-Wähler befreundet sein könne, hat den Schuss noch nicht gehört. Ich habe nie in meinem Leben danach gefragt, was die Menschen, mit denen ich gerne zusammen bin, für eine Partei wählen.“ Als es schließlich doch zu regnen begann, baute er schnell eine norddeutsche Küsten-Brücke zum Publikum, das mit Regenschirmen ausharrte: „Es gibt kein falsches Wetter, es gibt nur falsche Kleidung.“