Das zentrale Großsilo für den Volkseigenen Betrieb Getreidewirtschaft in Neubrandenburg hat am 4. Oktober 1976 seine Arbeit aufgenommen. 50 Jahre später wird der 70 Meter hohe Riese an der Ihlenfelder Straße 136 noch immer genutzt – und weite Teile der Technik laufen noch im DDR-Modus.
Ein Koloss aus DDR-Zeiten
Die größte dieser bis heute genutzten Großindustrieanlagen steht in Neubrandenburg mit 120.000 Tonnen Fassungsvermögen. Sie ist damit größer als die bekannte Anlage in Pasewalk direkt an der Ostsee-Bundesstraße 109. Die Kolosse aus Stahl und Beton, die in den 1970er Jahren für die Ewigkeit gebaut wurden, trotzen den Elementen.
Noch immer hat die Ihlenfelder Straße 136 nichts von ihrer Bedeutung als Logistikknotenpunkt und Umschlagplatz für den Agrarhandel in Mecklenburg-Vorpommern und weit darüber hinaus verloren. Ernten von ziemlich allen Betrieben aus 50 Kilometern Umkreis, aber auch aus Polen und der Ukraine werden dort angenommen, getrocknet, gelagert, aufbereitet und weiterverteilt, erklärt Betriebsleiter Toni Thuerk. Durchschnittlich 10.000 Tonnen Getreide im Monat durchlaufen den Betrieb, geliefert oder abgeholt mit täglich rund 20 Lkw oder Eisenbahnwaggons.
Vom Labor bis zur Silozelle
Nachdem die Erntefahrzeuge das Betriebsgelände erreicht haben, werden sie gewogen und die Fracht im Betriebslabor auf Feuchtigkeit und Qualität überprüft, erklärt der 38-Jährige. Fast wie haushaltsübliche Müslipackungen werden die Proben in Folie geschweißt und ein halbes Jahr lang eingelagert, falls später noch Fragen kommen. Erbsen aus Cölpin liegen säuberlich sortiert neben Raps aus Koldenhof, Weizen aus Chemnitz, Triticale aus Anklam und Ackerbohnen aus Breesen.
Danach werden Getreide, Raps oder Hülsenfrüchte von Stroh, Steinen und Staub befreit, bevor alles über Förderbänder und mit Becherwerken in die Silozellen gefüllt wird. Dort bleibt es unter ständiger Kontrolle von Feuchtigkeit und Temperatur bis zu einem Jahr frisch, wird aber meistens schneller weiter verarbeitet, beschreibt der Werksleiter, der einst Müller lernte und in Penzlin wohnt. Seit 21 Jahren ist er in dem Unternehmen tätig, das längst nicht mehr VEB Getreidewirtschaft, sondern Team Agrar heißt.
Technik aus den 1970ern
Ein Großteil des angelieferten Getreides wird direkt nebenan im Futtermittelwerk zu Mischfutter verarbeitet. Von dort werden Landwirtschaftsbetriebe, Viehhalter und Zwischenhändler im ganzen norddeutschen Raum, aber auch in Dänemark und Polen beliefert. Große Teile werden aber auch zu überregionalen Weiterverarbeitern wie Ölmühlen in Falkenhagen (Brandenburg), Lubmin oder Rostock oder Häfen in Hamburg und Rostock transportiert.
Sieben Kollegen und Kolleginnen seien wie er direkt im Silo beschäftigt, dazu zwei an der Waage, einer im Labor. In zwei Schichten bedienen, warten und pflegen sie den 70 Meter hohen Riesen, beschreibt Toni Thuerk die Abläufe. Vieles sei beim Alten geblieben, die Arbeitsabläufe nicht anders als 1976. Die 50 Jahre alte Technik tue in großen Teilen heute noch zuverlässig ihren Dienst, sagt Anlagenfahrer Bernd Stollhoff. Die Antriebe, die Motoren – alles original, genauso wie Wände, Zwischenböden, Decken. Nur Verschleißteile müssten manchmal erneuert werden.
Nach Brand: Elektrik erneuert
Die Elektrik hingegen erfuhr schon in den 2000er Jahren eine Sanierung – allerdings unplanmäßig, wie sich Ronald Szych erinnert. Er wisse nicht mehr genau in welchem Jahr, aber irgendwann nach der Wende, in einem Februar oder März, habe es im Keller gebrannt – „dort, wo die großen Hauptkabel reinkommen“. Dabei sei alles „komplett ausgebrannt“, erinnert sich der Elektriker, der von 1975 an 38 Jahre lang im Silo gearbeitet hat. Die Rauchentwicklung sei so verheerend gewesen, dass sich kein Feuerwehrmann hineinbegeben habe.
Danach sei das Silo vier Monate lang ohne Strom gewesen. Mit Muskelkraft, per Hand, habe es bedient werden müssen. Diesem Brand war es zu verdanken, da ist sich der 73-Jährige sicher, dass relativ früh moderne Technik Einzug hielt, Computer die Schaltrelais ablösten. „In Pasewalk dagegen wird heute noch mit den alten Relais gearbeitet, den Vorgängern von Computern. Die gehen ja nicht kaputt.“
Erneuert hätten sich auch die Transportmittel, wenngleich auch das schon wieder fast 40 Jahre her ist. „Zu DDR-Zeiten kam alles über Schienen. Nach der Wende wurde alles auf Lkw umgestellt. Das war billiger“, sagt Robert Szych. Inzwischen gehe der Trend wieder ein bisschen Richtung Schiene, komme aber nur zögerlich voran.
Wie wenige Menschen heute den Betrieb am Laufen halten, auch das sei zu seiner Zeit anders gewesen und wundere ihn immer wieder, sagt der Rentner. „Damals haben wir im Drei-Schicht-System gearbeitet, Tag und Nacht, egal ob Heiligabend oder Wochenende. Eine Schicht hatte immer frei, drei haben gearbeitet.“ Die Essensversorgung in der Betriebskantine habe wunderbar funktioniert. Selbst die Nachtschicht habe noch eine warme Mahlzeit erhalten. Rund „50 Mann seien nach der Wende aussortiert“ worden. Er habe zusammen mit Hartmut Fandre und Roland Meyn zu den wenigen gehört, die blieben, bis sie mit 63 Jahren in Rente gingen.
Danach habe er von zu Hause aus noch jahrelang täglich das Silo vor Augen gehabt, aus seiner Wohnung in der Oststadt. Heute könne er die markanten Umrisse nicht mehr sehen. „Die Bäume sind zu hoch geworden.“