Wärmepotenzial im Schweriner See: Forscher sehen Chancen für 60.000 Einwohner
Wärmepotenzial im Schweriner See: Forscher sehen Chancen

Wie viel Energie steckt im Schweriner See? Forscher der Hochschule Wismar (Landkreis Nordwestmecklenburg) wollen die Grundlage schaffen, um die thermische Energie aus Seen zu nutzen. Bislang wird in Mecklenburg-Vorpommern erneuerbare Energie vor allem durch Windräder und Solarfelder gewonnen.

Forschung auf dem Schweriner See

Das neue Boot der Forscher sowie die Sonde, die Doktorandin Carolin Peters ins Wasser lässt, sind von der EU gefördert. „Es gibt ein theoretisches Potenzial. Wenn man das ins Verhältnis zum durchschnittlichen Wärmebedarf eines Deutschen setzt, dann könnte man rund 60.000 Einwohner mit Wärme versorgen“, sagt die 37-Jährige. An der Stelle, wo die Sonde in zwölf Metern Tiefe Daten sammelt, könnte künftig ein Wärmetauscher installiert werden.

So funktioniert die Wärmepumpe im See

Per Wärmetauscher wird dem Seewasser Wärme entzogen und in das Fernwärme-System abgegeben. Das abgekühlte Wasser fließt zurück in den See. Der Prozess funktioniert wie ein umgekehrter Kühlschrank: Ein Kältemittel nimmt die Energie auf, wird zu Gas, wird komprimiert und erhitzt sich stark. Die Hitze wird ins Fernwärme-Netz eingespeist. Benötigt wird Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wind oder Photovoltaik. Die Bedingungen im Schweriner See sind laut den Wissenschaftlern ideal: „Der Schweriner See hat sich ergeben, weil er einfach wirklich ein sehr großes Volumen hat. Er ist ja einer der größten Seen hier bei uns im Land. Gleichzeitig ist Schwerin mit fast 100.000 Einwohnern direkt am See gelegen und ist auch gut erschlossen mit einem Fernwärmenetz.“

Klimawandel und Gegensteuerung

Die Forscher messen unter anderem Temperatur, Sauerstoffgehalt, Trübung und pH-Wert. In den vergangenen rund 30 Jahren ist die Temperatur im Schweriner See um mehr als 1,5 Grad gestiegen. Peters sagt: „Wir hoffen, dass das Abkühlen vielleicht den positiven Effekt hätte, dass wir gerade in langen Hitzeperioden einen Beitrag dazu leisten können, dass der See resilienter also widerstandsfähiger gegenüber dieser Erwärmung wird.“ Weniger Temperatur bedeutet weniger Bakterien, weniger Algen und mehr Fische. Die Wissenschaftler kalkulieren, dem See ein halbes Grad Temperatur zu entziehen.

Beispiele aus anderen Ländern

In Mecklenburg-Vorpommern wird thermische Energie aus Gewässern noch nicht in dieser Größenordnung genutzt. Bärbel Koppe, die die Doktorarbeit von Carolin Peters betreut, sagt: „Es gibt ein paar Prototypen-Projekte, aber es ist in anderen Ländern schon durchaus verbreitet. So zum Beispiel in der Schweiz der Zürichsee. Dort sind so um die 50.000 Einwohner angeschlossen. Im dänischen Esbjerg an der Nordsee ist gerade ein großes Wärmekraftwerk in den Betrieb gegangen.“ Auch an der Ostsee in Neustadt in Schleswig-Holstein gibt es ein Prototypen-Projekt. Großwärmepumpen sind in Köln und Flensburg geplant.

Potenzial für Schwerin

Der Schweriner See ist mit rund 62 Quadratkilometern der viertgrößte See Deutschlands. Er enthält etwa 780 Millionen Kubikmeter Wasser und ist stellenweise über 50 Meter tief. Schwerin hat seit Juni 2026 eine Wärmeplanung beschlossen: Bis 2045 soll die Wärmeversorgung CO₂-frei sein. Die Nutzung der thermischen Energie des Sees ist eingeplant, allerdings nur für etwa 10.000 Einwohner. Die Wismarer Forscher sehen in ihren ersten Ergebnissen mehr Potenzial.

Energie auch in der Ostsee

In Wismar gibt es ebenfalls eine Wärmeplanung, die die Nutzung der thermischen Energie der Ostsee vorsieht. Fachleute der Hochschule Wismar sind in die Vorbereitungen involviert und werden das neue Boot einsetzen. Das Boot mitsamt Trailer kostete mehr als 70.000 Euro. Carolin Peters’ Forschung umfasst nicht die Kosten für den Bau solcher Anlagen, sondern das Potenzial der Gewässer in Mecklenburg-Vorpommern – und das scheint deutlich größer als gedacht.