Schüsse in Stade: Sechs Tote nach Gewalttat – Ein Überblick
Schüsse in Stade: Sechs Tote – Ein Überblick

Bei der Gewalttat in Stade Ende Juni kamen sechs Menschen ums Leben. Ein 45-jähriger Vater soll in einer Jugendhilfeeinrichtung die sechs Personen erschossen haben. Der mutmaßliche Täter nahm sich später in Untersuchungshaft das Leben. Was bisher bekannt ist.

Was geschah bei der Tat?

Am Montag, den 29. Juni, wurde die Polizei gegen 12.10 Uhr wegen Schüssen in die Dankersstraße in Stade gerufen. In der dortigen Jugendhilfeeinrichtung wurden vier Menschen tot aufgefunden, eine weitere Person starb trotz Reanimationsversuchen vor Ort. Eine sechste Person erlag später im Krankenhaus ihren Verletzungen. Der mutmaßliche Schütze, ein 45 Jahre alter Mann, flüchtete mit einem Auto vom Tatort, wurde aber kurz darauf festgenommen. Am Steuer des Fluchtwagens saß eine 65 Jahre alte Frau.

Wer war der mutmaßliche Täter?

Bei dem Verdächtigen handelte es sich um einen 45-Jährigen aus Garbsen in der Region Hannover. Er soll in Deutschland geboren worden sein und die türkische Staatsangehörigkeit gehabt haben. Er hatte einen Termin in der Jugendhilfeeinrichtung in Stade, um über das Umgangsrecht für seine drei Monate alte Tochter zu sprechen. Der Mann war polizeibekannt und galt als auffällig, aggressiv und schwierig. Die Jugendamtsmitarbeiter der Region Hannover waren aus diesem Grund extra zu dritt zu dem Termin im rund 200 Kilometer entfernten Stade gefahren, weil sie Ärger erwartet haben sollen. Der Mann hat sich nach Angaben des Innenministeriums wenige Wochen nach der Tat – während seiner Untersuchungshaft – das Leben genommen.

Wer sind die Opfer?

Der Verdächtige soll vier Frauen und zwei Männer erschossen haben. Drei der Opfer arbeiteten in der Jugendhilfeeinrichtung in Stade, drei weitere waren Mitarbeitende des Jugendamts der Region Hannover. In Stade und Hannover gab es Gedenkfeiern zu Ehren der Opfer. „Dass Kolleginnen und Kollegen bei der Ausübung ihrer verantwortungsvollen Aufgabe ihr Leben verlieren, macht uns fassungslos“, teilte die Region Hannover mit.

Was ist über den Tatort bekannt?

Bei der Jugendhilfeeinrichtung in Stade handelt es sich um ein Mutter-Kind-Zentrum. Dort können werdende Mütter und junge Frauen mit Kind für begrenzte Zeit in voll- oder teilzeitbetreuten Wohngruppen unterkommen. Zum Tatzeitpunkt waren die Tochter des 45-Jährigen und deren Mutter in der Einrichtung untergebracht.

Was ist über das Motiv bekannt?

Der Tat ging ein Rechtsstreit über den Umgang mit der Tochter voraus. Nach Recherchen von NDR, WDR und „SZ“ begann dieser im April, nachdem der Säugling als Notfall in der Medizinischen Hochschule Hannover untersucht wurde. Ärzte äußerten den Verdacht, das Kind leide unter den Folgen eines Schütteltraumas. Die Eltern widersprachen. Es folgten Strafanzeigen von beiden Seiten. Nach mehrwöchiger Behandlung im Krankenhaus wurde die Tochter von ihren Eltern getrennt und in der Jugendhilfeeinrichtung in Stade in Obhut genommen. Ende April ordnete ein Familiengericht in Neustadt am Rübenberge an, dass Mutter und Kind wieder zusammengeführt werden. Seit dem 26. Mai waren sie gemeinsam in der Einrichtung in Stade untergebracht.

Was ist über den Tathergang bekannt?

Ersten Erkenntnissen nach hat der Verdächtige bei einem Termin mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Jugendamt und Jugendhilfeeinrichtungen auf die sechs Personen geschossen. Bei dem sogenannten Hilfeplangespräch sollte es um den weiteren Umgang mit der Tochter gehen. Mutter und Kind sollen ebenfalls bei dem Termin anwesend, nach NDR Informationen zum Tatzeitpunkt aber nicht im Raum gewesen sein. Sie blieben unverletzt. Der 45-Jährige hatte die Tat offenbar vorbereitet. Eine Woche vor dem Gesprächstermin hat er nach NDR Recherchen die Tatwaffe und Munition für 4.000 Euro auf dem Berliner Kurfürstendamm gekauft.

Was wurde dem Verdächtigen vorgeworfen?

Das Amtsgericht Stade hatte Haftbefehl wegen sechsfachen Mordes gegen den 45-Jährigen erlassen. Die Staatsanwaltschaft Stade sah insbesondere die Mordmerkmale der Heimtücke und der niedrigen Beweggründe als erfüllt an. Nach dem Tod des 45-Jährigen ist das Verfahren gegen den Mann eingestellt worden.

Was ist über die Mutter des Kindes bekannt?

Die 34 Jahre alte Mutter des Kindes wurde nach der Tat zunächst in Polizeigewahrsam genommen. Eine mögliche Beteiligung an der Tat ist weiterhin Gegenstand der Ermittlungen. Diese würden wegen des Vorwurfs des Mordes geführt. Es bestehe aber kein dringender Tatverdacht, dementsprechend sei kein Haftbefehl gegen sie beantragt worden, so die Staatsanwaltschaft. Das Verfahren wird laut Staatsanwaltschaft eingestellt, wenn sich herausstellen sollte, dass der 45-Jährige der alleinige Täter war und keine Straftaten Dritter vorliegen.

Was ist über die Fahrerin des Fluchtwagens bekannt?

Bei der 65 Jahre alten Frau handelt es sich nach NDR Informationen um die Schwiegermutter des SPD-Politikers Deniz Kurku. Ebenso wie die Mutter des Kindes war die 65-Jährige nach der Tat zunächst in Gewahrsam genommen worden. Auch bei ihr ist eine mögliche Beteiligung an der Tat weiterhin offen. Es werde wegen Mordvorwurfs gegen sie ermittelt, so die Staatsanwaltschaft. Einen Haftbefehl gibt es nicht. Die 65-Jährige soll den Verdächtigen zu dem Termin und nach der Tat den Fluchtwagen gefahren haben. Auch das Verfahren gegen sie wird eingestellt, wenn der 45-jährige Tatverdächtige der alleinige Täter war.