Das Ostseebad Heiligendamm dämmerte lange im Dornröschenschlaf, bis Investor Anno August Jagdfeld es wach küsste. Am 30. Mai 2003 eröffnete dort das Grand Hotel. Die Geschichte eines großen Traums beinhaltet auch eine Insolvenz und einen skurrilen Streit ums Wegerecht.
Verfall und Neuanfang
Mitte der 1990er-Jahre blätterte der Putz von der „Perlenkette“, einer Reihe einst wunderschöner Häuser direkt am Ostseestrand. Die goldenen Lettern auf blauem Untergrund des von 1814 bis 1816 erbauten Kurhauses waren verblasst. Der lateinische Leitspruch des ältesten deutschen Seebades galt da nur noch bedingt. Statt Freude überfiel den Besucher Schwermut. Das zur Kaiserzeit mondäne und beim Hochadel beliebte Ostseebad Heiligendamm, die „weiße Stadt am Meer“, war längst grau und trist geworden. Die klassizistische Architektur verfiel, ein Juwel war tief im Dornröschenschlaf versunken. Bis Immobilienunternehmer Anno August Jagdfeld auf den Plan trat.
Jagdfelds Traum
1996 sah Jagdfeld in einem Magazin das Bild von Heiligendamm. Ende 1996 kaufte er die „Perlenkette“ mit ihren sieben Logierhäusern und die sechs großen Häuser inklusive des Kurhauses für 15 Millionen D-Mark von der Treuhand. Jagdfeld wollte Heiligendamm wieder herausputzen und dort das schönste und erfolgreichste Grand Hotel Deutschlands errichten. Fundus kalkulierte zunächst mit rund 250 Millionen D-Mark an Kosten für die Totalsanierung und Ausstattung zum Luxushotel. Im ersten Schritt wurden 2.500 Anleger mit einem jeweiligen Mindesteinsatz von 100.000 Mark gesucht. Das scheiterte. Analysten hatten schon früh ihre Zweifel an der Rentabilität des Investments. Doch Jagdfeld ließ nicht locker: „Ich bin begeistert, verliebt, engagiert, es ist mein spannendstes und herausforderndstes Projekt“, sagte er 1999.
Finanzierung und Bau
Im zweiten Versuch gelang es Fundus, ausreichend Anleger zu finden. Diese investierten in einen geschlossenen Immobilienfonds mit über 100 Millionen Euro. Zudem wurden 50 Millionen D-Mark aus Bundes- und Landesmitteln zugesagt. Zum ersten Spatenstich am 27. Mai 2000 kam auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD). Die Restaurierung war sehr aufwendig, der ganze Innenausbau der großen Häuser kam weg, nur die klassizistische Fassade blieb stehen. Der Zeitplan war ambitioniert: Die Eröffnung wurde für 2001 geplant und mehrfach verschoben. Am 30. November 2001 wurde Richtfest gefeiert – auch Bundespräsident Johannes Rau (SPD) nahm teil.
Eröffnung und G8-Gipfel
225 Zimmer und Suiten entstanden in den wieder in strahlendes Weiß getünchten Häusern. Die Luxushotel-Kette Kempinski übernahm den Betrieb. Laut Jagdfeld waren bis zur Eröffnung 232 Millionen Euro investiert worden. Die offizielle Eröffnungsfeier fand am 30. Mai 2003 statt. Ganz besondere Gäste zog der G8-Gipfel im Sommer 2007 an: Bilder von George W. Bush, Wladimir Putin, Toni Blair und Angela Merkel in einem überdimensionierten Strandkorb gingen um die Welt. Für den Gipfel wurde der Ort komplett abgeriegelt. Das Grand Hotel stand für einige Tage im Fokus der Weltöffentlichkeit.
Streit ums Wegerecht
Weil nach der Eröffnung mitunter Hunderte Touristen am Tag durch das Areal des Grand Hotels spazierten und in die Fenster spähten, wollte Fundus die öffentlichen Wege, die über das Hotelgelände führen, sperren lassen. Das stieß auf heftigen Widerstand von Anwohnern und Stadtverordneten von Bad Doberan. 2004 lehnten die Stadtvertreter die Sperrung noch ab. 2006 stimmten sie zu, dass das Hotel die Wege auf seinem Gelände für 99 Jahre von der Stadt pachtet. Seither versperren Zäune den direkten Weg zur Strandbrücke. Besucher, die nicht im Hotel wohnen, müssen einen weiten Umweg laufen.
Insolvenz und Neubeginn
Nachdem Kempinski sich 2009 aufgrund eines Streits mit Jagdfeld vom Betrieb getrennt hatte und Fundus das Hotel fortan selbst betrieb, meldete Fundus im Februar 2012 die Insolvenz für das Hotel an. Die Anleger verloren viel von ihrem Geld. Jagdfeld sagte am Tag der Pleite: „Heiligendamm konnte man immer nur anpacken mit einer Portion Optimismus.“ Diesen Optimismus brachte Jagdfelds Nachfolger Paul Morzynski mit. Der Hannoveraner Steuerberater und Wirtschaftsprüfer kaufte das Hotel im August 2013 – wohl für weniger als 30 Millionen Euro. Offenbar gelang es dem neuen Eigentümer, das Ruder herumzureißen. Schon das Jahr 2015 endete mit einem Gästerekord: Knapp 25.000 Übernachtungen wurden gezählt, der Umsatz stieg auf 15 Millionen Euro. Die Auslastung habe bei 55 Prozent gelegen, sagte Morzynski damals.
Bleibende Konflikte
Ein zwischenzeitlich geöffneter Stichweg, der als Kompromiss zwischen Hotelbetreiber und Stadt Bad Doberan Touristen vom Molli-Bahnhof auf schnellerem Wege zur Seebrücke bringen sollte, wurde nach einigen Monaten wieder geschlossen. Zu viele Hotelgäste hätten sich beschwert. Unter 400 Euro pro Zimmer für zwei Personen ist im Grand Hotel auch zur Nebensaison kaum etwas zu bekommen. Heiligendamm ist eine wahrlich prachtvolle, aber auch abgeschottete Oase des Luxus.